Verzweifelter Motor-Blogger (31) greift zur Flasche…

…danke für die Aufmerksamkeit.

Fear and Loathing in Hannover

Ich bin oft am Kiosk oder auch an der „Trinkhalle“, wie es in meiner  niedersächsischen, urbanen Wahlheimat an der Leine heisst. Trifft es sowieso viel besser als das aussagelose „Kiosk“, denn das mehrheitlich zugrunde liegende Bedürfnis für den Besuch dieses Etablissements wird so viel deutlicher, ehrlicher und right in your face beschrieben. Und Gründe für dieses Bedürfnis gibt es im Leben eines struggelnden Möchtegern-Auto-Blogger genug:

Nein, mit dem gut bezahlten, IG-Metall-umsorgten, Werksleasing-gekrönten Sozialprestige-Job in der heimischen Autoindustrie wird es trotz aller Versuche wohl nix mehr. Von Presseverteilern, Einladungen auf fancy Fahrpräsentationen und einem das Leben beträchtlich vereinfachenden Presseausweis bin ich aktuell auch noch ähnlich weit entfernt wie automobiler Individualismus von Wolfsburg. Unmittelbar damit zusammenhängend, kommt schleichend die wachsende Erkenntnis, dass es um das praktische Ausleben meines automobilen Nerdtums in Form eines mit Bedacht ausgewählten und ständig wechselnden Fuhrparks zukünftig wohl eher medioker bestellt sein wird: Es bleibt wohl bei Vespa statt Vette und bei alter R1 statt altem R5 Turbo.

Kurz gesagt: Es muss intensiv und oft runtergespült werden. Wenn ich meine niedere Motivation für den Trinkhallen-Aufenthalt nicht sofort preisgeben will, blättere ich noch ein bisschen im vorhanden, oft recht umfangreichen Angebot des deutschen Motorjournalismus rum, bevor es zum Kühlregal geht. Kürzlich wurde meine Aufmerksamkeit jedoch etwas länger als sonst vom flüssigen Schmerzdämpfer ferngehalten.

Motorjournalismus in Deutschland

Wer meinen Blog, meine Facebook-Seite oder meinen Twitter-Kanal öfters verfolgt, wird schon gemerkt haben, dass ich mit einem Großteil der hiesigen Automobilberichterstattung wenig bis garnix anfangen kann. Achso, ich habe übrigens einen Blog, eine Facebook-Seite und einen Twitter-Kanal.

Das liegt zum einen daran, dass in Deutschland über Autos und Ähnliches oft geschrieben wird, als bestünde die Leserschaft nur aus grauhemdigen Ingenieuren mit etwas zu viel Bauch und Brille, deren  mäßig sitzende Wrangler-Jeans beim Lesen von Maßangaben und Aufpreislisten etwas zu feucht wird. Zum anderen an der meiner Meinung nach nicht zu leugnenden Tendenz, die heimische Automotive-Industrie und Ihre fahrenden Kontoauszüge nicht so gaaaanz objektiv zu behandeln. Und mit nicht so gaaaanz objektiv meine ich, wie eine Mutter, die gefragt wird, ob ihr Kind schön ist.

Gute 20 Jahre intensivstes Studium der entsprechenden journalistischen Erzeugnisse, zahlreiche Vergleiche mit internationaler Motor-Schreibe und First-Hand-Insider-HotShit-Wissen aus 6 Monaten Praktikum in der Presseabteilung eines großen Automobilkonzerns nichtdeutscher Provenienz erhärten diesen Verdacht zu granitartiger Konsistenz.

„Waaaas? Nein, die deutschen Autos sind doch nur so oft in den Zeitschriften und gewinnen ALLE Tests, weil sie IMMER die besten sind!?“

Die rote Pille bitte, Morpheus!

Mein lieber Leser, wenn zwischen Ihrer Reaktion und dem letzten Satz weitestgehende inhaltliche Deckung besteht, habe ich zwei schlechte oder eine gute Nachricht für Sie: Entweder wurden sie gebrainwashed (schlecht), benötigen dringend etwas mehr Bildung und Fähigkeit zur kritischen Reflexion (schlecht) oder sie sind Lobbyist eines deutschen Autoherstellers (moralisch schlecht, aber für Ihren Kontostand, Ihren Machthunger und Ihre Karriere sehr gut bis exzellent).

Falls leider nur die schlechten Nachrichten zutreffen, empfehle ich einen Abend mit viel Zeit und folgenden Suchbegriffen bei Google: Auto, Journalismus, Korruption. Lobby. Da stößt man auch immer wieder auf einen sehr guten Bericht des NDR-Formats Zapp, der komischerweise überall gelöscht ist.

Ok, ok…ich schweife ab…mal wieder. Zeit den Grund des Anstoßes mal zu benennen:

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Deutschland holt auf…ähh, verdammt: JAPAN!

Es geht um einen Vergleich der seit Jahrzehnten etablierten, vor Traktion und giftiger Fahrdynamik triefenden, von Fans auf der ganzen Welt kultisch verehrten Hardcore-Rallyableger Mitsubishi Lancer Evo und Subaru WRX STI mit einem Audi A3. Ok, ok…S3, whatever. Stufenheck. Auch noch Stufenheck! Stufenheck-Versionen von Kompaktwagen sind sogar den heissblütigen Deutschen zu spiessig und rangieren auf der automobilen Sexyness-Skala ungefähr zwischen Herrn Kaiser von der Allianz und einem Parteitag der CSU. Schön abzulesen an den unterschiedlichen Verkaufszahlen eines VW Jetta (Mini) und seinem zugrundeliegenden Bruder VW Golf (MaxiMaxiMaxi).

Auf der einen Seite also Fahrzeuge, die ursprünglich nur als Straßenversion verkauft wurden, damit man in der Rally-WM mitfahren kann. Vom Rennsport fast direkt auf die Straße. Fahrzeuge, die vor noch garnicht so langer Zeit – auch von deutschen Medien – eher mit Porsche 911 GT3 und Konsorten verglichen wurden. Grell, laut und in den richtigen Händen lebensverneinend fahrdynamisch. Für, gemessen an dem möglichen Dynamik-Wahnsinn, lachhaftes Geld.

Glaubst du nicht? Guckst du:

Und was haben wir auf der anderen Seite? Eine sportliche Ausstattungsvariante eines Massen-Kompaktwagens für Leute, denen ein Golf GTI ein bisschen zu billig ist. Alles inklusive Riesenräder, zweifelsfreier nachbarlicher Status-Einordnung und der bei Audi inkludierten „Weg von meiner Spur“-Front. Eine Marketing-Version von Sportlichkeit, die mehrheitlich von Fuhrparkleitern und Company Car Policies und nicht von Petrolheads ausgewählt wird. Der Kern bleibt ein souverän motorisierter, wertig gemachter Kompaktwagen. Der sehr schnell die 50.000€ sprengt. Nicht mehr, nicht weniger.

Zugegebenermaßen: Auch an mir ist nicht vorbeigegangen, dass die Lancers und Imprezas jüngster Baujahre etwas gesoftet wurden, während die GTIs, S3s, etc. gleichzeitig etwas nachgeschärft wurden. Aber diese Fahrzeuge auf eine Stufe zu stellen, ist immer noch so, als würde man einen mit allen Wassern gewaschenen Profi-MMA-Fighter gegen einen leicht überdurchschnittlichen Mittelgewichts-Boxer antreten lassen. Der nur einen Arm hat.

Die besagte Autozeitschrift lässt die beiden aber nicht nur gegeneinander antreten, sondern tut auch noch so, als wäre es ja schon ein Achtungserfolg, wenn der MMA-Fighter nicht sofort K.O geht.

 „Japan holt auf“ Ähhh, wo nochmal genau? In einer Fahrzeugklasse, die es selbst erfunden, etabliert und dominiert hat? Seit 1992? In bis zu 10 Modellreihen? Und in der Deutschland in Form eines Audi S3, der erst 7 Jahre später kam, noch nie mitgespielt hat? Wenn überhaupt, müsste es in diesem Fall korrekterweise „Deutschland holt auf“ heissen. Aber dann schalten gewisse Hersteller keine Anzeigen mehr in gewissen Medien, und überhaupt, die Krise im Printjournalismus, schwindende Auflagen, und man muss die Zielgruppe ja auch in ihrem 50.000€-auf-Zehn-Jahre-Zielkauf bestärken und überhaupt noch irgendwie ins Heftchen locken. Und der Wettbewerb! Die Globalisierung! Die Arbeitsplätze der Autoindustrie…jesses!

Und genau diese latent immer vorhandene Vorannahme in weiten Teilen des deutschen Motorjournalismus, dass jegliches deutsches Produkt sowieso die überlegene Speerspitze darstellt, an der sich der Rest messen muss und höchstens ein „Wow, für einen (Nationalität deiner Wahl) nicht schlecht!“ ernten kann, ist es, die mich solche Berichte nur als Alibi zum Bierkauf ertragen lassen kann.

Michl in Gefahr

Ganz ungefährlich ist solch eine Form der Berichterstattung meiner Meinung nach auch nicht, denn wenn man das nur oft genug wiederholt, pflanzen sich solche Vorannahmen über kurz oder lang in den Köpfen der vielen richtig schön fest. Kann man immer wieder schön sehen bei anderen für Michl ob ihrer Komplexität schwer verdaulichen populären Themen wie dem schmarotzenden und faulen Hartz4-Prolet, dem raffgierigen Manager und dem nimmermüden und gemeingefährlichem  Chinesen, der nur lebt, um unsere schöne Wohlstandswelt zu zerschlagen.

So, jetzt mal Ende hier. Muss schnell weg. Irgendwie bekomme ich gerade großen Durst…

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5 Gedanken zu “Verzweifelter Motor-Blogger (31) greift zur Flasche…

  1. Oah, ich hab keine Ahnung von Autos aber der WRX STI schon länger auf meiner Wunschliste (Die wird dann abgearbeitet wenn ich reich und schön bin). Freu mich schon drauf durch deinen Blog etwas mehr Hintergrundwissen zu erlangen!

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    • Danke für die Blumen, aber es ist gar nicht so ein Hexenwerk. Schön bist du schon und reich werden musst du nicht.

      Ein WRX STI kostet auch nicht mehr als ein Golf GTI mit ein paar Extras. Und von denen fahren sooooo viele rum, die können unmöglich alle reich sein…;-)

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