Außer (ein paar) Thesen nix gewesen

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In diesem Blog soll es ja bekanntlich um automobile Freuden jenseits des Tellerrands gehen. Um dieser Absicht die nötige Street Credibility zu verleihen, begebe ich mich mit meinem ersten Fundstück nicht etwa ins Souterrain des deutschen Fahrzeugbestands: Nein nein, wir schauen gleich in den bunkertiefen Keller. Dort treffen wir auf automobile Volkshelden wie den Lada 110/111/112 (Bestand am 01.01.2013 in Deutschland: 873), den Chevrolet Leganza (935) oder auch den Mitsubishi Sigma (799). „Hey, das ist ja gar nicht soooo wenig. Sogar in meinem kleinen Dorf xy bei xz kenn‘ ich `nen Typen, dessen Bruder hat ´ne Frau, die mal in ´nem Autohaus gearbeitet hat, da stand auch so ein Mitsubishi-Ding!“

Ähh ja, ein paar Zahlenspielchen um die Verhältnisse zurechtzurücken. Ford Scorpio, ja genau, der Glubschaugenkrebs mit Plastikholz-und-Plüsch-Interieur. Galt als katastrophaler Verkaufsflop. Erstaunlicherweise ekeln  aber immer noch 10.651 Stück davon in Deutschland rum. Und sogar ein Ferrari F430 (Neupreis 2004: 169.600€) hatte etwas mehr Verkaufserfolg als die genannten Bagaluten (1126). Kein Wunder, ist ja schließlich auch das günstige Einstiegsmodell. Am anderen Ende  der Bestandsstatistik  finden wir die bewährte Kompaktwagen-Profilneurose aus Wolfsburg, die sich auf Rolf reimt: 3.873.100 Stück. Das ist nicht dieselbe Liga, das ist nicht mal derselbe Sport, for god’s sake!

Aber wie so oft im Leben, findet man die wahren Perlen genau da, wo man sie nicht vermutet. In meinem Fall gut abgehangen und mit unfassbar hässlichen Nachrüstfelgen direkt vorm Schwimmbad. Signore e Signori, ich präsentiere den Lancia Thesis. Der wohl italienischste Maßanzug aller italienischen Maßanzüge auf Rädern, den man mittlerweile für, man kann es nicht anders sagen, lachhaftes Geld (bei mobile.de geht es mit 2.000 Euroten los) erwerben kann. Maximal 803 mal in Deutschland. Oder anders ausgedrückt: 0,002 Prozent Marktanteil. (Auf)gerundet.

Genug Zahlengeschwurbel, soll ja kein Arithmetik-Porno werden. Denn wie so oft in der italienischen Fahrzeugbaukunst, lässt sich auch dieses Produkt durch Zahlen höchstens in seinem Erfolg/Misserfolg, nicht jedoch in seinem Wesen erfassen. Ganz im Gegensatz zu den automobilen Pendants hiesiger Herkunft. Hier scheint auch Faszination nur durch möglichst große Zahlen (500, 700, 100.000) in Kombination mit möglichst wenigen Lettern (PS, Nm, €) entstehen zu können.

Hehre Absichten

Was ist er nun genau, dieser Thesis? Ein Befreiungsschlag. Das sollte er zumindest im Jahr 2002 für den Fiat-Konzern sein. Geboren mitten in einer der schwersten Konzern-Krisen, setzte der italienische Industrieriese viele, viele Euros und auch sonst alles andere auf eine Karte. Nicht viel weniger als das automobile Flaggschiff des Konzerns sollte er werden, zumindest in den bezahlbaren Regionen unterhalb der Familien-Snobs Ferrari und Maserati. Denn da tummelte sich bisher höchstens der Alfa Romeo 166, der eher Flagsportboot, als –Schiff war.  

„Wieeeerrrre glaaaauuube, diese schonne Theeesissse-Auuuto, kanne sogarre die Mertschedes Essse-Klasse eine bisssche errrgern.“

… original so gesagt vom damaligen Fiat Auto-Boss Roberto Testore. Also fast genauso. Nun ja, genau für diese unbeschwerte Chuzpe lieben wir ja die lieben Menschen südlich der Alpen. Lancia, einst Technikpionier auf Weltklasse-Niveau  und Hoflieferant der Schönen und Reichen, später dann totalitäre Weltmacht im Rallye-Sport, wollte mit dem Thesis eine ordentliche Dosis der Gloria vergangener Zeiten zurückgewinnen. Um es vorwegzunehmen: wie mein kleiner Exkurs in die Zulassungsstatistik schon nahegelegt hat, ist dieses Vorhaben sehr amtlich gescheitert, nicht nur in Deutschland. Doch dazu später mehr.

Was 2001 dann letztlich vorgestellt wurde, waren 4,89m purer Barock und Schwulst auf 4 Rädern. Scheinwerfer wie Diamanten, Rücklichter wie Sicheln, rubensartige Proportionen und ein Frontgrill von Single-Frame-schen Ausmaß, lange bevor dieser Begriff in Ingolstadt erdacht wurde. Ein polarisierendes Design ungeahnten Ausmaßes, wenn auch durchaus mit gewohnt stilsicherer italienischer Hand gezeichnet.

Material-Fetischismus

Ein sänfteartiges Chauffeursauto, vollgestopft mit Elektromotoren, Dämmmaterial und auf Wunsch auch kugelsicher für Silvio B. und die amici importanti. Markentypisch operieren alle angebotenen Ausstattungslinien zwischen höchst opulent und unglaublich opulent. Das merkt man weniger an den damals üblichen Gimmicks (belüftete Sitze, Schiebedach mit Solarzellen, adaptives Fahrwerk, etc.) als an den verwendeten Materialien im Innenraum.

Ich hatte mal das Glück, einen Thesis selbst zu bewegen und muss ohne Umschweife feststellen, dass ich auch heute noch in  keinem stimmigeren, feudaleren und dennoch geschmackssicheren Ambiente fossilen Brennstoff verfeuert habe. Leder glatt und speckig wie ein Babypopo, eine Mittelkonsole aus feinstem Magnesium, grobporiges Mahagoniholz. Pure grandezza in verschwenderischer Menge, die einem da begegnet.  Und das alles in Farbkombinationen, sowohl innen als auch außen, bei deren Konzeption schwäbische Interieurdesigner damals noch zu sechsmonatigem Smart fahren verdonnert worden wären. Eine Lancia-Besonderheit ist seit jeher die Möglichkeit, das Gestühl auch komplett in feinem Wildleder, oh scusi, Alcantara oder auch „Lancia-Tuch“ auszukleiden. Huch, was ist das denn? Ein hochwertiger Wollstoff, der so exklusiv ist, dass man selbst im allwissenden Internetz kaum Bilder davon finden kann.

Wo gibt es das sonst, bitte? Baumwolle, die einen Fahrzeuginnenraum exklusiver macht als feinstes Leder von handmassierten Glückskühen? Willkommen in der ganz alten Schule des automobilen Luxus.

Schweben statt Rasen

Inmitten dieses optischen und haptischen Eldorados erfreut man sich auch an den chronographenhaft edlen Runduhren für Geschwindigkeit und Drehzahl, kommt aber nicht umhin das eher beschauliche Tempo der zugehörigen Zeiger zu registrieren. Der liebe Auto-Gott war sehr einseitig, als er dem Thesis seine Talente schenkte. Was er an Komfort im Überfluß besitzt, fehlt ihm an Fahrdynamik fast gänzlich.

Ich erinnere mich an meine persönliche Thesis-Erfahrung: 185 damals sehr moderne Diesel-PS und bestimmt an die 400Nm, da muss doch eigentlich…Moment: Korrektur, 330Nm. Warum so wenig? Naja, gibt nur Automatik, 5-Gang, eher Rocky 6 als Rocky 1. Die verträgt nicht mehr, deswegen musste das Drehmoment begrenzt werden. Macht aber nix, der Frontantrieb (!) mag zu viel Stress sowieso nicht und das adaptive Fahrwerk „Skyhook“ kennt angesichts der knapp 2 Tonnen Leergewicht eh nur den Schwebemodus. Ein an sich legendär guter 3 Liter, später sogar 3,2 Liter, großer Alfa-V6-Benziner macht es leider nicht viel besser, fügt aber etwas Sound und konzeptfremde, weil angestrengt hohe, Drehzahlen hinzu. Dasselbe tut der 2,4 Liter große Fünfzylinder-Benziner. Nur schlechter. Das dynamischste und gleichzeitig harmonischste Fahrerlebnis hat man im Thesis mit einem 2 Liter Turbo-Benziner, der Laufruhe, Punch und Verbrauch am besten austariert.

Dem Luxus-Anspruch von Marke und Modell gerecht werdende Kraftwerke ab 8 Zylindern, die es im Konzern haufenweise gibt (Ein Blick nach Modena oder Maranello würde reichen), passen dummerweise nicht in den Motorraum. Ehhh, scusi…kanne manne nixe macken!

Der Sargnagel – Ursachenforschung

Da sind wir also mal wieder im Jammertal der liebevoll stimmig konzipierten, aber technisch leider nicht konsequent umgesetzten Produkte des Turiner-Markenkonglomerats. Mangelnde Modell- und Markenpflegepflege taten ihr übriges, und der Thesis wurde genau das, was der Pate der deutschen Autoindustrie, Ferdinand Piech, beim ersten Anblick prognostizierte: Ein Sargnagel. Von anvisierten 25.000 Fahrzeugen pro Jahr, wurden es letztendlich in tutto nur 18.500 Stück.

In Deutschland freilich tat der Thesis sich besonders schwer. Er krankte am selben Leiden, wie Peugeot 607, Renault VelSatis, Cadillac Seville und die vielen anderen noblen, aber noch bezahlbaren Versuche aller Importeure, ab der Mittelklasse aufwärts im teutonischen Autowunderland zu landen. Der unbarmherzige Türsteher in dieser Disco heißt Flottengeschäft, und sortiert emotions- und gnadenlos alles aus, dem es an Restwert, günstigen Leasingraten und Status fehlt. Mit anderen Worten, alles was nicht aus Deutschland kommt. Ganz wie im echten Nachtleben also.

Die mikroskopisch kleinen Privatverkäufe in der oberen Mittelkasse (ca. 20%) Schrägstrich Oberklasse (ca. 10%) funktionieren kurioserweise fast nach demselben Muster und stellen somit auch keinen besseren Vertriebsweg dar. Solange in diesem Land im automobilen Oberhaus nur gekauft wird, um den Kunden/Geschäftspartner/Kollegen/Nachbarn/Kumpel/Steuerberater möglichst zweifelsfrei über den sich selbst zugeschriebenen Status im gesellschaftlichen Hamsterrad aufzuklären, so lange wird sich am Los der feineren Fahrzeuge aus dem Ausland nix ändern. Die fahrenden Kontoauszüge heimischer Produktion gewinnen. Klappe zu, Affe tot.

Marke ohne Zukunft?

In Bezug auf Lancia ist „tot“ als Zustands- und Zukunftsbeschreibung leider durchaus wörtlich zu nehmen. Fiat ließ unlängst verkünden, dass es zukünftig keine Lancia-Modelle mehr aus italienischer Produktion geben werde. Mit Ausnahme der schon vorhandenen Modelle Delta und Ypsilon, werden alle zukünftigen Lancia-Modelle umgelabelte Chrysler-Modelle sein. Ähhh, ja. Weshalb nochmal ist Italien das einzige Land in Europa, in dem es bis heute weder eine Starbucks- noch eine Pizza Hut-Filiale gibt?

Doch wie so oft, ist des einen Leid des anderen Freude. Genussorientierte Individual-Automobilisti erhalten so die Chance sich einen der wohl letzten echten Lancia zu sichern. Für weniger Geld als 2m² in Münchens Innenstadt. Ein Auto, das stückzahlenmässig ähnlich exklusiv wie ein Maybach ist. Ein Auto, das in manchen Modellvarianten auch mal 68.7% Wertverlust in drei Jahren hat. Ein Auto, das laut Top Gear vom „greatest car manufacter of all time” kommt. Mehr Ritterschlag geht in der Benzin-Welt nicht.

Und wer jetzt Top Gear nicht kennt: Setzen, Sechs. 

http://www.streetfire.net/

 aufsuchen. Mehrere Tage Urlaub nehmen. Muskelkater vom Grinsen haben. Erst dann kann ich euch als amtliche Auto-Afficionados ernstnehmen und hier wieder reinlassen…zum nächsten Fundstück.

Mehr?

Eine wirklich liebevoll gemachte Seite zum Thesis mit hohem Informationswert und engagierter Community findet sich unter http://www.thesis-treffen.de/. Wem das noch nicht reicht, der kann sich unter http://www.viva-lancia.com/lancia_fora/index.php?59 in die allertfiefsten Thesis-Abgründe vorarbeiten. Interessantes Video zum Design-Entwicklungsprozess des Thesis:

  Italien-Klischee-Kultur-Stil-Bohei-Promo gibt es hier:

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